Mit dem ersten Zug nach Langerwehe

Der Mensch mit dem Rucksack und dem Shirt einer Metalband? Vermutlich ‘noch’.

Die Menschen auf der Bank, die gerade von der Polizei kontrolliert werden? ‘Noch’ – das ist einfach.

Die Familie mit den Koffern? ‘Schon’ – das ist auch einfach.

Der rauchende Mensch vor dem Bahnhof? Sieht nach Arbeitskleidung aus, also vermutlich ‘schon’ – oder es ist der Heimweg nach der Nachtschicht.

Der komische Typ, der mit dem Laufrucksack um die Ecke gehetzt kommt? Der kommt mir irgendwie sehr bekannt vor. Mit ihm bin ich hier verabredet und wenn nichts schiefgegangen ist, ist die Antwort ganz klar ‘schon’. Es ist Samstagmorgen, 03:25 Uhr – eine laue Sommernacht hier am Aachener Hauptbahnhof. Keine Ahnung, wie das schon wieder passieren konnte…

Wie konnte das nur wieder geschehen … ?

Rückblende.

Freitag, 14:42 Uhr:

Läufst du morgen?

Freitag, 15:07 Uhr:

Nicht-notwendig mit dem LTB. Du kannst also einfach was vorschlagen. 😉

Freitag, 15:38 Uhr:

Ok 0325 am Hbf (50 km) oder 0600 am Treffpunkt (1,5 h + LTB)

Freitag, 16:32 Uhr:

0325 klingt eigentlich zu merkwürdig von der Zeit her, um das
verstreichen zu lassen.

Achso. So waren wir also hierhin gekommen. Alles unter Kontrolle. Also auf in den Zug und ab in den kleinen Erlebnisurlaub. Wir hatten ja keine Vorstellung davon, wie viel wir auf unserer kleinen Reise wirklich erleben würden. Aber – so viel können wir nun mit voller Überzeugung sagen – es hat sich in vollem Umfang gelohnt, mal wieder den Zug zu nehmen.

Von Langerwehe aus ging es direkt zur Karls- und dann zur Laufenburg. Schon bevor wir dann zur Wehebachtalsperre gelangt sind, haben wir drei Mal (fast) Kontakt mit Wildschweinen gehabt (mit absteigender Spektakularität – erst haben wir sie noch gesehen, dann noch gerochen, dann nur die sehr frischen Spuren gesehen) und sind über ein Paar leuchtender Augen im Wald gestolpert.

Die Karlsburg – erbaut im Jahre 1850

Die Laufenburg bei Langerwehe – mittags zwischen 12:00 und 14:00 Uhr gibt es hier keinen heißen Kakao.

Augen in der Nacht. Bestimmungshilfe erwünscht. Ein Schmetterling, vielleicht aus der Familie der Noctuidae.

Von der Wehebachtalsperre aus konnten wir dann gleich ein kleines Gewässer abhaken. Mit ca. 180 Höhenmetern auf ein paar Kilometern war der Rote Wehebach ein netter – fast unbeabsichtigter Beifang auf dem Biberweg. Von hier aus konnten wir dann – tatsächlich zufällig – auf des Vilvos Spuren entlang des Hustle-Bach-Grabens acht Kilometer lang einem traumhaft schönen Trail folgen – zum Teil sogar als Rur-Kall-Wanderweg ausgeschildert. Wer die Gegend um die Dreilägerbachtalsperre kennt, der weiß: Dort führt kein vernünftiger Weg vorbei an Struffelt oder Eifelsteig.

 

Roter Wehebach, kurz vor der Quelle

Worte haben wir keine guten, um diesen Ausflug zu beschreiben. Bilder können das mitunter besser. Aber auch sie vermögen es nicht, das Gefühl zu beschreiben, mit einem guten Freund die vermeintlich unbequeme Option gewählt zu haben und durch und durch mit einem nachhallenden gemeinsamen Erlebnis belohnt worden zu sein. Es war schön, mal wieder so unterwegs zu sein. Darum ist meine und unsere Empfehlung an euch: Wenn ihr die Wahl habt, nehmt den Trail. Wenn ihr die Wahl habt, nehmt euch jemanden mit. Genießt.

Ziegenbart oder Korallenpilz? Genießbar oder giftig?

Wir sind nicht allein!

 

Hier waren schon vor uns Menschen.

Lass alle Hoffnung, Farn.

Hasselbachgraben, Rur-Kall-Panoramaweg

Asphaltprobe.

Power-Up!

Alle Bilder gibt es – unverzerrt – auch wieder bei Flickr.

 

Das Ende.

Endlich. Der einzig mögliche Gedanke in der letzten Stunde war: Bald kommt die nächste Bank, die nächste Gelegenheit sich hinzusetzen. Und egal was dann passiert – dann ist es vorbei. Zu lang und zäh die letzten Stunden, zu wenig Kilometer in so unendlich viel Zeit. Dieses Mal hat es einfach nicht funktioniert.

Es ist ungefähr Mitternacht und ca. Kilometer 153 von den letztlich 166 Kilometer auf dem Kölnpfad. 24 h sind wir jetzt zu viert unterwegs. 24 unfassbar schöne Stunden. Gerade weil wir es tatsächlich vollbracht haben als Quartett so weit zu kommen. Unterwegs haben wir so viele Freunde getroffen, haben viele Kilometer mit ihnen geteilt, den Humor wie üblich nicht zu kurz kommen lassen, die wunderbaren VPs genossen und Stück für Stück Köln umrundet. Wir haben ein gemeinsames Tempo gefunden und immer aufgepasst, dass wir für keinen von uns Vieren zu schnell unterwegs sind. Dass das funktioniert hat ist erstaunlich und eine wunderbare Sache. Die Kraft haben wir und besonders auch ich in den letzten Stunden viel aus dieser Gemeinsamkeit geschöpft, aus der Freude so lange zusammen unterwegs sein zu können. Aus den gemeinsamen Gesprächen, den „Witzen“ und den Plänen für die Zukunft. Für mich kam auch ein Teil der Motivation aus dem Willen nach dem STUNT100 am Wochenende davor auch Köln erfolgreich zu umrunden. Und wir waren unserem gemeinsamen Traum zu viert über 100 Meilen gemeinsam zu laufen so unfassbar nahegekommen.

Und doch kündigte sich schon einige Stunden vor Mitternacht an, dass das Ende schwer werden würde. Die Erschöpfung ließ sich viele Stunden des Laufs mit Kaffee und Cola bändigen, doch langsam aber sicher befreite sie sich aus dem Koffeingefängnis. Die Hinweise mehrten sich. Ich vergaß regelmäßig zu essen und zu trinken. An und für sich nicht dramatisch am Ende eines langen Laufes, aber das Ende war eben noch zu weit weg. Mehrere Stunden zu weit. Am letzten VP konnte ich kaum etwas zu mir nehmen und war schon stehend KO. Und vor uns lag noch mehr als ein Halbmarathon in erst einbrechender und dann völliger Dunkelheit. Das bedeutete mit unserem momentanen „Tempo“ fast 4 Stunden auf den Beinen. In der zweiten Dunkelheit. Unvorstellbar und nicht möglich. Dieses Mal hatte die Erschöpfung gewonnen und brach so allumfassend über mich herein wie ich es noch nicht erlebt hatte.

Und dann kam sie. Endlich: die Schutzhütte. Zu nichts mehr fähig sank ich auf die Bank. Das Ende. Niemals wieder werde ich aufstehen. Sofort ist es kalt. Sehr sogar. Der Kreislauf verabschiedet sich. Ein bekanntes Gefühl und noch schlimmer: mir ist es egal. Ich muss mich ja nie mehr bewegen.

Die Bank ist hart. Und es ist doch sehr, sehr kalt in dieser Nacht im Juli. Und unfassbar still und einsam. Es sind 4 Bänke da – keiner von uns spricht. Es ist dieser sehr spezielle Moment. Ich weiß meine drei Begleiter sind momentan besser drauf. Haben ihre Tiefs überwunden oder nie eins gehabt. Oder sind im Kopf stark genug um das Tief zu übertrumpfen. Und alle drei wissen, dass es kaum mehr als 10 Kilometer sind bis zum Ziel. Ich weiß – sie wollen unbedingt dort hin. Sie halten den Atem an, unternehmen aber nichts. Stille. Ein paar Minuten. Ich stehe auf. Auch wenn es die härtesten Stunden werden sollten – hier, irgendwo im Königsforst können wir ja doch nicht bleiben. Schritt für Schritt muss es weitergehen.

Ich werde oft gefragt: warum? Ich kann es nicht sagen. Aber gerade in diesen Momenten in denen die Hoffnung, die Kraft und die Überzeugung gegangen sind, in denen nichts mehr geht und das Ende da ist – liegt etwas unbeschreibliches. Diese Überwindung zu erleben macht sicher einen Teil des Reizes aus auf diesen langen Strecken.

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#1: TorTour de Ruhr (160,9 km), 2016

#2: STUNT100 (160,9 km), 2016

#3: LangsteNaachtLoop (166 km), 2016

#4: Hermannsweg (161 km), 2017

#5: Seilersee (161 km), 2017

#6: STUNT100 (160,9 km), 2017

#7: Kölnpfad (166 km), 2017

tbc…

 

Der zweite Streich: Eimol öm janz Kölle röm

Nun ist er vollbracht, der zweite Streich, und auch drei Tage später lässt sich die Frage, ob es nun eine gute Idee sei, an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden einen Ultra zu laufen, noch nicht abschließend mit einem klaren “nein!” beantworten.

Mir, jedenfalls, tat es sehr gut, in Köln bei dieser jecken Veranstaltung an den Start zu gehen. Der offensichtliche Grund hierfür sind neben dem vielen leckeren Essen, das auch für meinen exklusiven Geschmack sehr viele Möglichkeiten bot, die vielen lieben Menschen, die beim Kölnpfad wiedergetroffen oder kennengelernt habe: Allen voran natürlich unser jeckes Quartett bestehend aus dem Pfadsucher, mir und der Dürener Connection hinter dem Pussy-Run. Aber auch mit vielen anderen Menschen habe ich mich vor dem Lauf, während des Laufs auf der Strecke oder an den VPs oder in der Zeit nach dem Lauf und vor dem großen Essen, oder während des großen Essens hervorragend unterhalten können. Ein Erlebnis, das für mich immer eine große Bereicherung darstellt.

Einen weiteren Grund, der für Außenstehende vielleicht eher im Verborgenen bleibt, möchte ich hier auch an prominenter Stelle genannt wissen: Der Lauf ist einfach mit sehr viel Liebe und auch Achtsamkeit organisiert. So wird versucht, durch das Weglassen von Einwegplastikbechern und durch den Gebrauch von kompostierbaren Tellern und von kompostierbarem Besteck die Belastung für die Umwelt zu minimieren. Diese Haltung setzt sich auch bei der Wahl des Essens und bei der größe der Getränkebehältnisse fort. (Klar, wenn ich meinen eigenen Becher mitbringen muss, dauert das mindestens fünf Sekunden länger. Aber bei den wenigsten Läufer*innen kommt es bei einer Streckenlänge von hier mindestens 75 Kilometern auf die paar Sekunden an.) Weiter räumen die Veranstalter den Menschen, die hier für einen guten Zweck teilnehmen, einen besonderen Platz ein, um ihr Projekt vorzustellen – nicht nur in den Startunterlagentaschen sondern auch bei der Sieger*innenehrung. Hier wurde insbesondere das Projekt Papillon für Kinder krebskranker Eltern vorgestellt¹. Auch die Haltung des Orgateams gegenüber allen Beteiligten insbesondere auch gegenüber ihrem Helfer*innenteam wirkte auf mich nachhaltig positiv; eine Haltung aus der tiefe Dankbarkeit sprach. Schließlich bleibt es bei so einer großen Veranstaltung mit rund 200 Teilnehmenden nicht aus, dass bei den Nahrungsmitteln Reste übrigbleiben. Diese haben Tom und Thorsten an die Tafel gespendet. Diese Grundhaltung, die das Orga-Team an diesem Wochenende gezeigt hat, empfinde ich als vorbildlich und bin froh, dass ich das so miterleben durfte.

Der nächste Grund, warum mir das Wochenende am und auf dem Kölnpfad sehr gut getan hat, ist – mal wieder – die Begeisterung und Einsatzbereitschaft des gesamten Teams an der Strecke. Es ist jedes Mal wieder der Wahnsinn diese Menschen zu erleben, die einen großen Batzen ihrer Freizeit opfern, um den verrückten Menschen auf der Strecke zu helfen, ihnen beizustehen und alles in ihrer Macht stehende zu tun, die Verrückten in ihrem Vorhaben zu unterstützen. Mit welcher guten Laune und welchem Wohlwollen sie das machen, erfüllt mich jedes Mal aufs Neue mit Verzücken.

Weiter klingt der Kölnpfad zunächst einmal nach einer relativ ungefährlichen Sache (sehen wir mal von den Kilometerzahlen ab, die für die meisten Menschen schon sehr verrückt klingen). Tatsächlich sprechen die Zahlen der Aussteigenden  aber eine andere Sprache: über fünfzig Prozent auf der 100-Meilen-Strecke. Die Rohdaten verleiten vielleicht ein wenig dazu, den Kölnpfad zu unterschätzen, und so gibt es doch sehr viele, die hier an ihre Grenzen stoßen, egal ob sie sich für die 100 Meilen, die jecken 10 x 11 Kilometer oder die Nachtschicht (75 Kilometer) entschieden haben. Einige erreichen diese früher als gedacht und kämpfen dann, um die Grenzen doch noch ein wenig hinauszuschieben, andere wachsen tatsächlich über sich hinaus. Lange hat es mich in der Nacht nicht im Zelt gehalten, zu groß war am Morgen der Drang, jene zu empfangen, die sich durch die letzte Nacht gekämpft hatten, ihnen zu ihrer Leistung zu gratulieren, die sicherlich mehr Täler gesehen hatten als ich an diesem Wochenende.

Zur Strecke des Kölnpfads können andere Menschen ganze Bücher schreiben. Wie ich inzwischen weiß, ist sie mit sehr viel Liebe zum Detail ausgesucht worden und zeigt neben vielen schönen Stellen in der Natur auch sehr viele Orte, die einen Teil der bewegten Geschichte dieser Stadt offenbaren. Während des Laufs blieb mir diese Einsicht jedoch leider verborgen. (Vielleicht muss ich diesen Lauf ja mal in Begleitung eines Kölner Menschen absolvieren.) Andere Menschen, die einen größeren Bezug zu Köln haben, können sicherlich auch in größerer Begeisterung davon vorschwärmen, wie grün der Lauf doch ist, obwohl die Strecke sich nie wirklich weit von der Zivilisation entfernt. Doch da, so bin ich ehrlich, stehe ich mehr auf die kleinen wirklich schmalen Pfade, die sich durch die Felder und Wälder schlängeln. Zugegeben, wir hatten auch viel Dunkelheit und auch der Tag war mit dem vielen Regen nicht besonders freundlich, auch wenn es sich unter dem kleinen Knirps, den ich eigens dafür mitgenommen hatte, sehr gut aushalten ließ. (Vom Quasi-Profi zum ersten Mal gehört, nun beim STUNT bei Stefan erneut gesehen und endlich übernommen. Ein kleiner Knirps ersetzt im Regen (ohne Sturm) eine teure Regenjacke locker.) Vielleicht lag es auch an der grandiosen Unterhaltung, dass ich vom Weg selbst nicht so viel wahrgenommen habe. Ein paar Sachen jedoch, bleiben mir als Bilder in Erinnerung und die sind eigentlich ganz schön.

Ein kleiner Hinweis noch für diejenigen unter euch, die den Kölnpfad mal laufen wollen: Es ist sehr hilfreich, für die Wegfindung ein GPS-Gerät dabeizuhaben, mit dem ihr umgehen und nach dem ihr laufen könnt. Es gibt doch ein paar Stellen, an denen die Chance, sich zu verlaufen, recht hoch ist, insbesondere wenn in der Nacht neben der schlechten Sicht auch noch die Müdigkeit hinzukommt.


¹ Das Projekt Papillon unterstützt die Kinder krebskranker Eltern. Diese tragen auch einen Teil der Last, die die Eltern durch die Krankheit schultern müssen. Allerdings haben sie, da sie ja nicht selbst krank sind, weniger Anlaufstellen und Möglichkeiten, Unterstützung zu erhalten. Diese Problematik soll hier angegangen werden.