Für M.
„Papa, da ist jemand auf YouTube der läuft 600 km in 96 Stunden. Durch die Wüste. Und er hat auch einfach auf dem Boden geschlafen weil er so erschöpft war – das ist doch oberkrass, oder?“
So, oder so ähnlich wurde es an mich herangetragen vergangenen Sonntag. Ein kurzer Blick auf den YouTube-Kanal eines großen Getränkeherstellers verriet die Details. Kurz war ich froh, dass mein Sohn (12 Jahre) sein eigenes Unterprofil ausgewählt hatte und nicht mein Hauptprofil verwendet hat. Der Algorithmus will gepflegt sein. Auf der Arbeit am Montagmorgen ging es dann weiter – nachdem alle großen Nachrichtenportale (und solche, die gerne welche wären) die triumphale Ankunft nach dann am Ende 123 Stunden verkündet hatten: „hast Du von dem Typen gehört der 600 km gelaufen ist?“.
Nun, jetzt habe ich von ihm gehört. Auch gehört habe ich von den Social Media Profilen, die in letzter Zeit immer lauter werden und sich am Backyard-Format orientierend unter Formaten wie „Last-Soul-Ultra“ oder Ähnlichem dafür rühmen die krassesten, härtesten, seelenraubendsten und bist in den Tod kämpfenden Läufer zu sein. Die offen Schmerzmittelmissbrauch propagieren um den Körper bis ins Unmenschliche zu treiben.
Und meine Antwort an meinen Sohn, wie auch an meine Arbeitskollegen war: nun, dass ist deren Job. Jeder Klick bares Geld, jedes Sponsoring mehr Gehalt, jede Produktplatzierung zusätzliche Einnahmen. Und natürlich können sie das machen – wenn es funktioniert, warum auch nicht.
Und doch ist es absolut falsch das mit Ultra, oder Laufen, wie ich es so schätzen gelernt habe, zu verwechseln. Ein ganz andere Sport. Absolut falsche Vorbilder sind diese muskelbepackten Algorithmen obendrein. Die Zeiten des schnellen Scrollens, der Reels und Shorts – sie haben uns alle eingeholt und vervielfältigen diese Phänomene wie durch ein Brennglas. Ich gönne jedem der Protagonisten sein/ihr individuelles Glück, den Erfolg und kenne die inneren Beweggründe dieser Sportler nicht. Doch das was dort transportiert wird, sollte nicht ungefiltert und ohne gute andere Vorbilder stehen bleiben.
Ohne die Leistung der 600 Wüstenkilometer in 123 Stunden auch nur irgendwie schmälern zu wollen – wohl ca. die Hälfte meiner laufenden Freunde kann das – begleitet von zig Kameras, Autos, Verpflegungsmöglichkeiten etc. – schaffen. Und es sind diese Menschen, die ich als Sportler gerne als Vorbild für (meine) Kinder in den Mittelpunkt stellen wollen würde. Menschen, die noch einen normal Job haben, ein manchmal stressiges Leben führen, Familie haben und für die Laufen Freiheit bedeutet. Die alleine mit sich sein können und wollen, der Natur verbunden sind oder manchmal auch nur der Musik aus den Kopfhörern lauschen wollen. Und dabei laufen. Um der Bewegung wegen. Menschen die erfahren haben, dass Ausdauer so viel mehr ist als krasse Leistungen, sondern vor allem eine innere Einstellung ist, etwas, das mit der Erfahrung immer weiter wächst. Und etwas, das eine ruhige und sanfte Natur hat. Nichts Aufbrausendes, sonder etwas Starkes, Ruhiges und Zurückgenommenes. Genau das Gegenteil der Dinge die Social-Media so gerne klickt. Menschen die Demut vor der Herausforderung haben, sie mit Demut angehen und einfach dankbar sind, was durch Ausdauer möglich ist.
Und was für Leistungen, Momente und Geschichten für die Ewigkeit schon daraus entstanden sind. Dinge die ich aus nächster Nähe oder nur als Beobachter miterleben durfte.
- Zwei Schemen wandernd in knietiefem Schnee bei km 350 von 500 – Bedingungen unter denen Weitermachen kaum eine Option war und die doch bis ins Ziel gebracht wurden.
- Läufer, die in strömenden Regen in Nacht 3 ohne Schlaf stehend an einen Baum gelehnt ein Powernap gemacht haben während der Regen in keinen Rinnsalen über Ihre Regenjacken lief.
- Leere Augen, die alles gegeben haben und schon längst über den Punkt der möglichen Dinge hinaus waren.
- Figuren in den unmöglichsten Momenten und an den unmöglichsten Orten zitternd unter dem dünnen Alu der Rettungsdecken auf der Suche nach nur ein paar Sekunden Schlaf.
- Läufer für die laufen bedeutet sich einen unbekannten Track zu nehmen auf die Geräte zu laden und zu starten – allein oder in Gruppen von Freunden – rein ins Ungewisse. Die Dinge nehmen wie es kommt und so gut es geht zu improvisieren, wenn nötig. Einfach nur um das Abenteuer zu beenden.
- Läufer die beim Backyard ohne viel Aufhebens 100 oder mehr Stunden unterwegs sind und sich danach mit einem Kaltgetränk ans Lagerfeuer setzen und das Laufen feiern.
- Menschen, die sich dem Ultra zuwenden um bewusst Grenzen zu überwinden oder auch manchmal um überhaupt mal Grenzen zu finden – einfach weil es Ihnen gut tut und ihnen hilft mit anderen Dingen besser fertig zu werden.
All diese und noch viel mehr Beispiele sind es, die als Vorbild dienen können und dabei viel besser geeignet sind als das, was sich in Social Media so Ultra schimpft.
Mein Sohn erzählt mir auch oft aus dem Buch „Born to Run“, was er sich von mir geliehen hat. Ich denke, das ist ein guter Start um über Laufen zu reden. Über die ungesehen, leisen und doch nie enden wollenden mutigen Schritte auf den kleinen, wenig ausgetreten Pfaden in Richtung Horizont. Schritte, die sich darüber im klaren sind wie klein und unbedeutend sie doch sind unter dem weiten, mit Sternen übersäten Himmel.
